Herr Minister: Bildung ist mehr als vormittags Frontalunterricht!

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Betriebsrat Bildung im Mittelpunkt fordert für ganztägige Volksschulen anderes „Corona-Sicherheitskonzept“! Unsere Normalität: wöchentlich Kontakt mit bis zu 200 Kindern.

Bildungsminister Faßmann hat, genauso wie Kanzler Kurz, wieder einmal bewiesen, dass ihnen vor allem eines fehlt: echte Expertise in Sachen Bildung für Kinder. Neben dem seit fast einem Jahr fehlenden generellen Rahmenkonzept für einen sinnvollen Umgang mit der Corona-Pandemie im Schulalltag gesellt sich immer wieder eine offensichtliche Unwissenheit über die österreichische Schullandschaft.

Nun sollen also alle Kinder „Mund-Nasen-Schutz bis ins Klassenzimmer“ tragen. Am Platz im Unterricht kann er dann abgenommen werden. Dann wird getestet und Abstand gehalten. Neben der Vormittags-Halbtagsschule gibt es aber auch noch hunderte ganztägige Schulen. In diesen gibt es Freizeitphasen, Mittagessen, Bewegungseinheiten. Alles mit Mund-Nasenschutz, da nicht „im Unterricht“?

Neben veraltetem Frontalunterricht gibt es glücklicherweise an vielen Schulen schon offenes Lernen und Teamarbeit. Permanenter Mund-Nasenschutz von früh bis spät, da „nicht am Platz“?

Abstand gehalten geht sich rein Platztechnisch garnicht aus, geschweige denn wenn Kinder, die den ganzen Tag in der Schule verbringen, sich bewegen. 

Testen ist gut, aber die Teststrategie hinkt: 2 mal pro Woche ist zu wenig – und FreizeitpädagogInnen sind per Verordnung derzeit garnicht (!) davon erfasst!

Grundlage für die Entscheidung der Regierung sind offenbar auch Annahmen, die vielerorts nicht der Realität entsprechen: So wäre ein Effekt, der größeren Ausbrüchen in Volksschulen entgegenwirkt, dass diese im Schnitt kleiner als andere Schultypen seien (8 Klassen mit 18 Kindern je Klasse im Vergleich zu Gymnasien mit 28 Klassen und 24 Schülern je Klasse). Darüber würden in Volksschulen die Klassen die meiste Zeit von einer Lehrkraft unterrichtet. Dadurch gäbe es auch für potenziell infizierte Lehrkräfte weniger Möglichkeiten, die Krankheit auf viele Volksschulkinder zu übertragen.

Nun, Fakt ist: In Wiener ganztägigen Schulen sind sehr oft mehr Klassen, und meisten bis zu 25 Kinder pro Klasse. Gerade an verschränkten Ganztagsschulen sind über den Tag verteilt immer mehrere PädagogInnen (Klassen-, BegleitlehrerInnen, FreizeitpädagogInnen, …) mit einer Klasse beschäftigt. FreizeitpädagogInnen (die in der letzten Verordnung offenbar vergessen wurden und deshalb keiner Masken- oder Testpflicht unterliegen!) arbeiten fast immer abwechselnd mit Kindern aus mehreren Klassen.

Einige Beispiele:

  • Ganztägige Schule in 1030 Wien: ca. 300 Kinder, davon 210 im Ganztagesbetrieb. Jeweils immer 50 Kinder gemeinsam im Speisesaal. FreizeitpädagogInnen haben bis zu 5 Klassen in der Woche, täglicher Kontakt mit 45 Kindern.
  • Ganztägige Schule in 1070 Wien: 15 Klassen mit 23-25 Kindern, insgesamt ca. 360 Kinder. FreizeitpädagogInnen haben im Schnitt mit 4 Klassen zu tun (über 100 Kinder)
  • Ganztägige Schule in 1120 Wien: rund 500 Kinder im Unterricht, etwa 350 in der freizeitpädagogischen Betreuung zu Mittag und am Nachmittag. Im Spätdienst Kinder aus bis zu 9 Gruppen.
  • Ganztägige Schule in 1170 Wien: 14 Klassen, im Schnitt 23-25 Kinder, rund 300 Kinder im Ganztagesbetrieb. FreizeitpädagogInnen haben mindestens 4 und bis zu 10 Klassen (über 200 Kinder pro Woche)
  • Ganztägige Schule in 1190 Wien: 13 Klassen mit je durchschnittl. 23 Kinder, FreizeitpädagogInnen in 2-3 Klassen pro Tag, im Spätdienst Kinder aus 5 Klassen
  • Ganztägige Schule in 1200 Wien: 13 Klassen mit ca. 280 Kindern, FreizeitpädagogInnen arbeiten wöchentlich in 3-4 Klassen (70 – 100 Kinder).

„Ich treffe mich täglich mit 50 Haushalten – in der Arbeit. Zuhause schränke ich mich dann ein“, so eine Freizeitpädagogin sarkastisch.

Kinder brauchen Bildung, Kinder brauchen formelles und informelles Lernen, Kinder brauchen Gemeinsamkeit und soziale Kontakte. Kinder brauchen unsere ganztägige Schule! Denn trotz Pandemie ist es wichtig, adäquate und pädagogisch sinnvolle Freizeit als wichtigen Bestandteil schulischer Bildungsarbeit anzubieten. Die Kinder brauchen Bewegung, kreatives Tun, gemeinsames Spielen und soziales Lernen – unter den jetzigen Rahmenbedingungen meist eine Unmöglichkeit. „Wir wollen, gerade angesichts der alarmierenden Zahlen von Kindern mit psychischen und physischen Problemen, ihnen wieder einen unbeschwerten und fördernden Alltag bieten. Dies ist aber nur mit massiv verbesserten Rahmenbedingungen möglich.“

Als Interessensvertretung der BiM-FreizeitpädagogInnen hat der Betriebsrat ein Forderungspapier veröffentlicht: Wichtige Punkte daraus sind die Forderung nach mehr Personal, kleineren Gruppen und mehr corona- wie auch freizeitadäquaten Räumlichkeiten, um das Infektionsrisiko zu verringern. „Unsere KollegInnen sind mit viel Herz bei der Sache und leisten Großes in der Freizeitpädagogik. Es ist unumgänglich, dass die Dringlichkeit endlich als solche wahrgenommen und entsprechend darauf reagiert wird“, bringt Betriebsratsvorsitzende Schacht die Situation abschließend auf den Punkt.

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